Liebesbegegnungen
Das Potential der sexuellen Liebesbegegnung zwischen Mann und Frau
Von Surabhi Notburga Fischer
Menschliches Leben entsteht aus der sexuellen Vereinigung von Mann und Frau. Diese
Tatsache wird oft in den Hintergrund gedrängt, wenn Eltern ihre Kinder in ihrer sexuellen
Entwicklung begleiten. Die Entwicklung der sexuellen Liebesfähigkeit ist ein
Reifungsprozess, der von unserer Zeugung bis zu unserem Tod andauert.
Erhalten wir in unserer psychosexuellen Entwicklung eine adäquate und unterstützende
Spiegelung durch unsere Eltern (oder andere erwachsene Begleiter), können wir zu
selbstregulierten Erwachsenen heranreifen. Das heisst, wir haben als Mann und Frau
genügend feminine und maskuline Ressourcen integriert, dass wir weder unsere Partner
noch unsere Kinder brauchen, um uns als sexuelle Wesen zu bestätigen oder zu
befriedigen. Erfüllung liegt vielmehr in einem ganzheitlichen Energieaustausch mit dem
Partner (Sex, Herz und Bewusstsein) als in der genitalen Auf- und Entladung, nach der
oft ein leeres Gefühl zurückbleibt.
Ich habe das energetische Modell des femininen und maskulinen sexuellen
Energiekreislaufes gewählt, um ausschnittweise einige Reifestufen der sexuellen
Liebesfähigkeit von Mann und Frau darzustellen. Auf die reifen Früchte der zweiten
Lebenshälfte gehe ich hier nicht ein.
Teil 1: Der feminine und maskuline Energiekreislauf in der sexuellen Begegnung
zwischen Mann und Frau
Mann und Frau sind in ihren Genitalien und auf der Herzebene gegengepolte Wesen.
Das macht auch die Anziehung aus. Die Liebesorgane sind gegensätzlich und genau in
einander passend geformt. Die Vagina ist nach innen eingestülpt und rezeptiv. Sie hat
die Fähigkeit aufzunehmen, zu empfangen und zu umhüllen.
Der Penis ist nach aussen gestülpt, kann erigieren, penetrieren und Energie gerichtet
nach aussen geben. Bildlich liegt die Wurzel des Penis im Herzen, das ihn mit Blut
versorgt. Der Mann gibt seine Liebe von seinem Herzen über den Penis an die Frau. Die
Frau kann sich vom Mann über ihre Vagina bis in ihr Herz berühren lassen.
Auf der Herzebene ist es genau umgekehrt. Die Körperform der Frau ist hier nach
aussen gewölbt mit den Brüsten. Dort ist ihr gebender Pol, und der Mann empfängt ihre
Liebe vom Herzen her.
Bezieht man diese körperenergetische Polarität mit ein, so entsteht ein energetischer
Liebeskreislauf, in dem eine sexuelle Begegnung mehr ist, als nur Ladung und
Entladung auf der genitalen Ebene.
Einen häufigen Konflikt zwischen Männern und Frauen kann man auf diese
unterschiedliche Polarität zurückführen.
Die Frau sagt zum Mann: „Ich öffne mich nur in meiner Vagina, wenn ich die Verbindung
im Herzen spüre, wenn da Liebe und Bindung ist.“
Die Gegenhaltung des Mannes ist: „Ich lasse mich auf eine verbindliche Beziehung nur
dann ein / öffne mein Herz erst dann, wenn du mich sexuell annimmst.“
Auf den Energiekreis bezogen sagen beide: „Wenn das angenommen wird, was ich zu
geben habe mit meinem expressiven Pol (bei der Frau das Herz, beim Mann der Penis),
dann bin ich bereit mich in meinem rezeptiven und damit auch verletzlichen Pol (bei der
Frau die Vagina, beim Mann das Herz) zu öffnen.“
Das Grundthema ist jedoch auf beiden Seiten dasselbe: Die Verbindung zwischen
Genitale und Herz ist blockiert oder fehlt überhaupt, wenn sie – im Kinderleben sich
verschlossen hat, als Schutz vor Verletzung (Überflutung) durch Mutter oder Vater im
rezeptiven Pol.
Innere Verankerung des Energiekreislaufes in der ödipalen Phase
Zwischen drei und sechs Jahren beginnt die Differenzierung der Geschlechter in
der sogenannten „ödipalen Phase“. Kleine Jungs und Mädchen in diesem Alter
sind neugierig, offen, unschuldig und unermüdliche Forscher, wenn sie „den kleinen
Unterschied“ beim Doktorspiel erkunden. Aus ihrem Blickwinkel auf die Erwachsenen
identifizieren sich beide mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil und probieren sich mit
dem gegengeschlechtlichen Elternteil als „kleiner Mann / kleine Frau“ aus. In dieser
Phase ist eine adäquate Spiegelung der Eltern wichtig, um den eigenen Energiekreislauf
einzurichten und zu lernen, die sexuelle Energie zu regulieren.
Innere Verankerung beim Mädchen
Das Mädchen vergleicht und identifiziert sich mit der Mutter und probiert dabei ihre
Lippenstifte und BHs aus. Die gleichgeschlechtliche unterstützende Spiegelung von der
Mutter besteht darin, dass sie als erwachsene Frau sagt: „Ja, du wirst mal eine Frau,
wie ich auch eine bin, du bekommst auch mal schöne Brüste, Frauen sind tolle
Wesen....“
Der Vater ist für die Tochter der erste wichtige Mann in ihrem Leben, dem sie all ihre
Prinzessinnenkleider vorführt. Von ihm will sie als kleine hübsche Tochter gesehen und
bestätigt werden. Kann er ihr sagen: “Du bist meine hübsche kleine Tochter, so eine
schöne Prinzessin“, dann sieht er in der Tochter die aufblühende Schönheit, und ihr
Strahlen verdoppelt sich mit diesen Worten sofort.
Mit unschuldiger Neugier erprobt sich das Mädchen als kleine heranwachsende Frau
besonders dem Vater gegenüber. Von ihm möchte sie bestätigt werden in ihrer
Weiblichkeit ohne dass er sie mit seiner erwachsenen Sexualität überflutet, was dem
Missbrauch beim Mädchen entsprechen würde. In Worten könnte das lauten: „Ich sehe
Dich als schönes, aufblühendes weibliches Wesen – für meine sexuellen Bedürfnisse
sorge ich jedoch selbst und lebe sie mit Deiner Mutter (oder einer anderen erwachsenen
Frau, wenn die Eltern getrennt leben).“ Von der Mutter, die idealerweise ihr Frau Sein
geniessen kann, wäre schön zu spüren: „Ich bin eine Frau wie du und stehe
unterstützend hinter dir während du dich deinem Vater als „kleine Frau“ annäherst.
Wenn du mit Gefühlen und Handlungen konfrontiert bist, die dich überfordern, helfe ich
dir und beschütze dich, wenn nötig“.
„Ich heirate meinen Papa“ sagt das kleine Mädchen ganz ernst und wird damit eher
selten ernst genommen. Eine hilfreiche Reaktion des Vaters könnte sein: „Daraus höre
ich, dass Du mich sehr gerne hast“. Damit nimmt er ihre Liebe an. Gleichzeitig vermittelt
er seiner Tochter wortlos durch seine klare Haltung: „Ich bin schon mit Deiner Mutter
verheiratet und Du bist unsere Tochter – und als solche liebe ich Dich“.
Wenn die Mutter in sich einen guten Boden als Frau hat, kann sie neben der Tochter
stehen und deren Hinbewegung zum Vater unterstützen. Nimmt sie ihren Platz als Frau
jedoch nicht ein in der Beziehung zu ihrem Mann, könnten Konkurrenzgefühle
entstehen.
Läuft die Spiegelung ideal, kann das Mädchen in ihrer sexuellen Identität sicher werden
und Unabhängigkeit gewinnen. Dazu braucht sie von ihrem Vater einen klaren,
präsenten männlichen Gegenpol, der seine phallische Kraft nicht missbraucht. Auf
dieser gesunden Basis wird ihre weibliche Freiheit möglich. Das bedeutet, sie kann ihre
Partner später frei wählen und muss in späteren Partnerschaften nichts nachzuholen
versuchen an versäumter oder misslungener Spiegelung durch den Vater.
Im grossen Kreislauf des Lebens wird dies wieder ihren Söhnen zugute kommen, die sie
mit diesem Hintergrund besser begleiten kann auf deren Weg zu Männern.
Innere Verankerung beim Jungen
Hat sich der kleine Junge mit dem Vater identifiziert und gemessen - z. B. im Kämpfen
oder Weitpinkeln - kommt er anders, nämlich „als kleiner Mann“ auf die Mutter zu.
Er streckt voller Stolz, Unschuld und Freude der Mutter sein Glied entgegen, was ein
kindlicher Ausdruck des männlich sexuellen Liebesflusses ist, der von seinem Herzen
kommt. Er will von ihr genau dort unten beachtet und gesehen werden. Eine gute
Spiegelung wäre, seine Freude zu teilen und seine ungestüme wachsende Kraft nicht
als Bedrohung zu erleben. Zum Beispiel: „Whow, Du bist ja schon ein richtiger kleiner
Mann!“ oder „Du wirst ja mal so ein toller Mann wie dein Papa!“ So reagiert sie genau
auf der Ebene, auf der er sich zeigt.
Wenn sie aber gar nicht auf seinen Penis schaut, dann wird der Junge mit seiner
demonstrativen Bewegung nach aussen - seinen Penis zu zeigen - von ihr nicht
angenommen. Wenn die Mutter ihn stattdessen als ihren lieben Jungen an sich drückt
und beispielsweise sagt: „Lass das, und komm her, du bist ja mein lieber kleiner Bub“ -
ihn also vom Herzen her zu sich nimmt und ihn aber unten am Penis nicht beachtet,
oder ablehnt - so wird sein Erleben unten blockiert.
Andere negative Spiegelungen wären: ein abfälliger Blick, ein Nichtbeachten, bewusstes
Wegschauen oder die verbale oder nonverbale Botschaft: „Du hast auch schon nichts
anderes im Sinn, wie alle Männer. Die wollen sowieso immer nur Sex.“ Das letztere
wäre ein negatives Geschlechtervorurteil gegenüber Männern.
Im Herzen bekommt der Junge damit eine Überdosis, selbst wenn es gut gemeinte
Liebe ist. Und auf der Ebene seiner Genitale läuft er ins Leere mit seiner Lebendigkeit,
wird dort frustriert und abgeschnitten.
Die Mutter lässt ihn mit dieser Geste auch nicht gross werden, sie wehrt den kleinen
Mann in ihm ab, da dies aus irgendwelchen Gründen für sie zu bedrohlich ist. Und sie
bindet ihn mit ihrer unregulierten Liebesenergie an sich, was für ihn überflutend ist.
Dieses Zuviel an Energie im Herzbereich und das kastrierende Abklemmen der Energie
im Beckenbereich wirkt sich auf die erwachsene männliche Sexualität so aus, dass sie
getrennt vom Herzen stattfindet. Männer haben es oft schwer, sich auf eine tiefere
Bindung einzulassen. Passiv-aggressives Beziehungsverhalten, Potenzprobleme,
frühzeitige Ejakulation, sexuelle Gewalt gegen Frauen könnten Folgen davon sein, da
sich diese frühen Muster in späteren Beziehungen zu Frauen wieder inszenieren.
Diese Form von „Missbrauch“ der Mutter dem Sohn gegenüber ist weniger greifbar, da
sie meist auch nicht auf der direkten körperlichen Ebene geschieht wie beim Mädchen,
sondern energetisch. Von dieser Verletzung spricht man auch nicht in der Öffentlichkeit.
Sie betrifft jedoch viele Männer, was sich im therapeutischen Setting oft zeigt. Wenn die
Therapeutin mit dem Thema Sexualität selbst verunsichert ist, kann das sogar in der
Therapie wiederholt werden, sodass der männliche Klient mit seiner Sexualität auch dort
keinen klaren Platz hat.
Der empfindsame Ort, wo vorwiegend Verletzungen geschehen, liegt bei beiden
Geschlechtern am rezeptiven Pol. Das heisst, die Missachtung, Missbrauch,
Traumatisierung des sexuellen Liebesflusses geschehen bei Mädchen in der Vagina,
bei Jungen im Herzen.
Pubertät - das Rausgehen in die Welt
In der ödipalen Phase richtet sich durch adäquate Spiegelung die innere Verbindung
zwischen Genital und Herz ein. Der Weg vom rezeptiven zum gebenden Pol wird
gebahnt. Die Zeit der Pubertät bedeutet einen zweiten Meilenstein in der sexuellen
Entwicklung. Nach dem Wachstum der Genitalien und Brüste setzt mit der ersten
Menstruation und dem ersten Samenerguss die Reproduktionsfähigkeit ein. Was beim
Jungen nach aussen wächst, der Penis (mit der Erektion) und die Hoden, findet in
derselben Weise beim Mädchen nach innen statt. (In der Vagina - geschieht Wachstum
und damit neue Empfindungsfähigkeit nach innen, in Form von Gebärmutter und
Eierstöcken)
Von der biologischen Anlage und Voraussetzung stehen sich die Ladung und das
sexuelle Potential gleichwertig gegenüber bei Männern und Frauen. Bei der Frau ist die
Richtung nach innen - beim Mann nach aussen. Dem gegenüber stehen
Geschlechtervorurteile: „Jungen haben mehr sexuellen Drang“, „Männer wollen immer
nur das eine“, „Männer sind geiler als Frauen.“ Hier begegnen wir unserem kulturellen
Umgang mit Erektion. Wenn eine Frau in ihrer Vagina Lust und Erregung spürt, ist das
von aussen nicht sichtbar. Sie kann sich so in der Öffentlichkeit bewegen, z.B. in einer
Sauna. Geht ein Mann mit einer Erektion durch die Stadt oder durchs Schwimmbad,
bekommt er sofort das Ettikett eines Machos, der nur Sex im Kopf hat.“ Männer sind mit
ihrem besten Stück in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit unwillkommen. Vorstellbar
wäre aber auch eine Gesellschaft, in der die Erektion ein positiv besetztes
Männlichkeitssymbol ist, und jeder sich freut und sie stolz vor sich her trägt, ohne was
zu wollen.
In der Adoleszenz kann der Mann lernen, seine Liebe vom Herzen durch seine
Genitalien nach aussen zu geben. Die Frau kann lernen sich im Empfangen bis ins
Herz berühren zu lassen. Das ist die Basis für einen reifen Austausch der sexuellen
Energie zwischen Mann und Frau im Gegensatz zur rein genitalen Auf- und Entladung.
Wenn die Brüste der Frau berührt werden, aktiviert das automatisch auch das rezeptive
Zentrum in der Vagina. Der sexuelle Energiestrom kommt zu den Brüsten hin ins
Strömen. Es aktiviert den weiblichen Energiekreis. Man kann es sich wie einen inneren
Magnetismus vorstellen. Durch die Aktivierung am Pluspol, den Brüsten, findet eine
Anziehung, eine Aktivierung auch in der Vagina statt. Sie wird vorbereitet,
aufzunehmen. Der Weg wird gebahnt, Jugendliche gehen in die Welt hinaus von ihrem
expressiven Pol her und erforschen ihre Wirkung auf das andere Geschlecht.
Dazu eine wahre Geschichte einer jungen Frau:
„Ich war 17 oder 18 Jahre alt, als ich an einem schönen Sommernachmittag das
Shoppingcenter in unserem Dorf verliess. Da waren drei Jungs zwischen 12 und 14
Jahre) und einer sprach mich ziemlich provokativ an: „Wow! Geile Titten!“ Ich erwiderte
ihm: „Gell, magsch si mol alange?“ Mit meiner Antwort nahm ich ihm den Wind aus den
Segeln und versetzte alle drei in grosses Staunen, bis derselbe Junge wieder etwas
stockend meinte: „Nein, sonst knallst du mir eine.“ Nachdem ich ihm versicherte, dass
ich es ernst meine und dies bestimmt nicht der Fall sein würde, näherte sich seine Hand
meinem Busen, bis er diese kurz vorher wieder zurückzog und wieder sagte: „Nein, du
würdest mich schlagen.“ Als ich ihm wiederholt versicherte, ihn nicht zu schlagen,
berührte er ganz flüchtig und vorsichtig meinen Busen. Danach sah ich ihn an und fragte
ihn, ob das alles sei? Schliesslich hatte er eine derart grosse Klappe und dann berührte
er kaum meinen Busen.
Zwei von diesen drei Jungs begleiteten mich anschliessend nach Hause. Auf dem Weg
führten wir ein Gespräch über Sexualität. Es stellte sich heraus, dass dieses Thema bei
ihnen zu Hause ein absolutes Tabu ist. Beim Abschied waren wir Freunde.“
Diese junge Frau konnte den Jungs aus einer gesunden inneren Grundhaltung heraus
begegnen: “Ich bin eine schöne junge Frau und mit dieser Überzeugung gehe ich raus
in die Welt in Würde und Vorfreude.“ Die Provokation der Jungen schmolz in sich
zusammen durch die reale Berührung und ihre eigene Unsicherheit kam zum Vorschein.
In der Pubertät ist die Begleitung der Eltern mehr aus der Distanz wichtig. Die
Jugendlichen suchen ein authentisches Gegenüber als Mann oder Frau, das beide
Qualitäten integriert hat und Selbstregulation kennt. Wenn genügend Vertrauen da ist,
kommen sie mit unterschiedlichen Fragen entweder zur Mutter oder zum Vater. Der
Sohn, den das Verhalten eines begehrten Mädchens verwirrt, sucht die Mutter auf, um
ein bestimmtes weibliches Verhalten besser zu verstehen, und danach vielleicht auch
den Vater, um ihn zu fragen, wie er selbst früher mit solchen Situationen umgegangen
ist. Wichtig bei dieser Begleitung ist eine lebendige Erinnerung an die eigene Sturm und
Drang Zeit.
Teil 2: Das menschliche Potential der sexuellen Liebesbegegnung
Neben der menschlichen Fortpflanzung und Arterhaltung besteht eine wichtige Funktion
der männlichen und weiblichen Liebesorgane darin, Liebe zu generieren, indem sie in
einen Energieaustausch gehen. Das kreiert einen Energiekreislauf zwischen Mann und
Frau.
Es ist etwas anderes, ob sich ein Paar dieses Kreislaufes bewusst ist und ihn pflegt,
oder ob das Liebesspiel auf genitale Aufladung und Entladung basiert. Letzteres lässt
u.a. Frauen aber auch Männer unbefriedigt und leer zurück und führt oft zu
Lustlosigkeit.
Für Männer ist es ein Lernprozess, ihren Penis wirklich zu fühlen in seiner feinen
Eigenpulsation. Wenn er ganz prall gefüllt ist und nur nach Entladung strebt, geht es
immer um das Ziel der Entladung und weniger um den Energieaustausch zwischen
Penis und Vagina. Im blossen Stoßen liegt eine Hinbewegung, sofort gefolgt von einer
Wegbewegung, ein Ankoppeln und sofortiges wieder Abkoppeln, sodass kein wirklicher
Kontakt stattfinden kann, ausser in dem Moment der Entladung.
Zitat eines Paares
Die Frau:
„Früher war ich sehr auf meine Orgasmen fixiert. Im Nachhinein stelle ich fest, dass das
Objekt der Befriedigung dabei austauschbar war. Es konnte auch ein Dildo oder ein
Vibrator sein, oder eben mein Mann. Heute macht es einen Unterschied für mich als
Frau, da ich in erster Linie mit dem Empfangen beschäftigt bin. Dabei nehme ich in
meine Wahrnehmung auch den Penis mit rein, der sich in mir ausdehnt. Ich bin nicht bei
ihm und verliere mich in ihm, aber ich spüre, da kommt eine maskuline Energie und die
nehme ich auf. Das erlebe ich im wahrsten Sinne des Wortes als erfüllend.“
Ihr Partner:
„Für mich als Mann heisst das: Ich bin nicht nur mit meiner Erektion und mit meiner“
Ladung und dem Ziel des Orgasmus beschäftigt, sondern ich spüre auch meine
Umgebung. Wo bin ich da eigentlich? Welches Gewebe umgibt mich? Dann spüre ich,
dass die Vagina ein Gewebe ist, mit dem ich nicht wirklich in Berührung komme, wenn
ich nur dagegen stosse. Dass dort erst Kontakt entsteht im Austausch und Spüren.
Wenn mein Penis zu hoch geladen ist, dann fühle ich weniger die Verbindung von
meinem Herzen her.
Hier ist wichtig keine neue Moral aufzustellen: „Entladung ist schlecht, darf nicht sein,...“
sondern ein Bewusstsein für die Unterschiede zu entwickeln. Wenn der Mann ejakuliert,
dann gibt er mit dem Samen seine Essenz (seine Kerninformation) in die Frau! Seine
Herausforderung wäre, darin seine Verbindung zu seinem Ejakulat zu stärken. Männer
ejakulieren und dann ist es weg. Oft landet seine Essenz auch im Abfallkorb oder in der
Toilette. Das hat auch damit zu tun, dass wir die Sexualität von der Reproduktion
abgekoppelt haben.
Maskuliner und femininer Energiekreis im Verlauf der Reproduktion:
Das gesamte Geschehen von der Zeugung über die Schwangerschaft bis zur Geburt ist
ein transformatorischer Prozess, in dem sich die Richtung der Energiekreise umkehrt.
Bei der Zeugung sind Mann und Frau in ihrer geschlechtlichen Polarität. Der Mann gibt
seinen Samen durch seinen positiven Pol in die Frau und die Frau kann nichts tun,
ausser ihn zu empfangen bis in ihre Gebärmutter (wobei das Ei wieder aktiv ist im
Aufnehmen des Samens). Der Mann ist im maskulinen Energiekreis und die Frau im
femininen.
Das Kind manifestiert sich in ihrem Körper, nistet sich ein und wächst darin, ein
Transformationsprozess von der rezeptiven Aufnahme bis hin zur aktiven Geburt.
Die Frau gebärt das Kind durch ihr Becken. Sie lässt es nach unten los in der
Wehentätigkeit. Die Kontraktionsbewegungen , fördern die Austreibung nach unten..
Energetisch ist sie in der Austreibungsphase im maskulinen Energiekreis.
Der Mann kann hier nichts tun. Es braucht ihn nicht wirklich, wenn eine gute
Geburtsbegleitung dabei ist. Und doch ist er absolut wichtig mit seiner Präsenz. Er kann
unterstützen im einfachen Da-Sein und so das gemeinsame Kind in Empfang nehmen.
Energetisch ist er so im femininen Energiekreis, in einer femininen Grundhaltung.
Schon unmittelbar nach der Geburt mit dem ersten Anlegen des Babies an die Brust
kehrt sich der Energiekreis wieder um und aus den Brüsten fliesst Milch. Das aktiviert
wieder den weiblichen Kreis. Viele Frauen haben beim Stillen angenehme
Empfindungen in ihrer Vagina, weil es eine energetische Verbindung zwischen Brüsten
und Vagina gibt, über die eine Aktivierung nach innen stattfindet.
Die Geburt ist ein einschneidender Moment im „Leben einer Vagina“, und alle Frauen
haben ihre Geburtsgeschichten noch in sehr guter Erinnerung. Je nachdem wie
traumatisch dieser Durchgang war, braucht es eine längere oder kürzere
Erholungspause. Der erste Geschlechtsverkehr danach ist anders als alle Male davor
und es wäre sehr schön, wenn der Mann einfach nur langsam reingeht und erst einmal
die Veränderung in diesem Raum spürt. Vielleicht nimmt er es als einen weiteren Raum
wahr, der sich erst wieder neu einrichten muss. Es kann für beide tief berührend sein, in
einem präsenten ineinander verweilen diese Veränderung zu teilen.
Schilderung einer Frau über die erste genitale Begegnung nach der Geburt:
„Nach der Geburt unserer ersten Tochter, die auch traumatische Elemente hatte,
Jack Rosenberg, der Begründer der Integrativen Körperpsychotherapie IBP sagt: „Nach
einer Weile verlangt jede Paarbeziehung nach etwas gemeinsamen Dritten (das kann
vieles sein: Kind, Haus, Projekte, spirituelle Dimension,...)
Öffnen wir in unserer Sexualität den Raum für dieses kreative 3. Element, so wächst die
sexuelle Begegnung über die individuelle Lustbefriedigung hinaus. Menschliche
Sexualität kann so zu einem Tor werden, durch das wir unser Eingebunden sein in ein
grösseres Ganzes erfahren können.
Abschliessend möchte ich eine Brücke von diesem Text schlagen zu einigen
Grundpfeilern unserer Arbeit. Diese ist wesentlich geprägt von der Sexual Grounding®
Therapiemethode nach Willem Poppeliers und Ritualelementen.
Viele Bücher und auch Sexualberater orientieren sich an „Verbesserungs-Techniken“
wie Sex besser, lustvoller, orgasmusreicher wird.
In unserer sexualtherapeutischen Arbeit betrachten wir die Sexualität nicht losgelöst
sondern in Verbindung mit der Liebes- und Beziehungsfähigkeit und von daher auch mit
der Reproduktion. Die Themen und aktuellen Symptome werden in einen
Referenzrahmen sexueller Reifestufen im Lebensverlauf gebracht und so wird auch
unterschiedlich darauf eingegangen.
Unsere Eltern und die Generationenlinien dahinter haben für die Beziehungen zu
unseren Partnern und Kindern eine wichtige Bedeutung. Geschieht eine Veränderung in
einem Mitglied der Generationenlinie, so profitieren alle Beziehungen zu den
Nachkommen und Vorfahren.
Im Verlauf der therapeutischen Arbeit geschieht oft eine Weichenstellung von der
zielorientierten und orgasmusfixierten genitalen Ladungs-, Entladungs-Sexualität hin
zum Energieaustausch aus der Verbindung zwischen dem pulsierenden Ineinander Sein
der Liebesorgane und des Herzens.
Wir arbeiten sowohl mit Regression (ressourcenorientiertes Reparenting der
psychosexuellen Entwicklung) als auch mit Progression (Ermöglichen einer körperlichen
Erfahrung der sexuellen Reifestufen über das aktuelle Lebensalter hinaus bis zum Tod.
So wird beispielsweise aus der Sterbebettperspektive heraus klar, was wirklich wichtig
ist und welche Prioritäten und Entscheidungen in der Gegenwart anstehen.
Surabhi Notburga Fischer
Geb. 1961, fünf Jahre Lehrtherapeutin an der Akademie für Physiotherapie in
Salzburg; seit 1989 eigene Praxis für Integrative Körpertherapie, Paar- und
Sexualtherapie; 6 Jahre IBP Ausbildung, Lehrcoach am IBP Institut;
Lic. Sexual Grounding® Therapeutin (Drs. Willem Poppeliers, Holland).
Internationale Seminartätigkeit, seit über 15 Jahren leitet sie zusammen mit ihrem
Mann Robert Fischer „MannFrau Beziehungstrainings“.
brauchte meine Vagina fast 5 Monate Ruhepause. Obwohl die Sexualität immer lustvoll
war, hatte meine Vagina kein Bedürfnis nach einer Begegnung mit dem Penis meines
Mannes. Der erste Kontakt war dann, einfach nur langsam ineinander zu gehen und
diesen neuen Zustand zu fühlen. Auch für meinen Mann war das ein ungewohntes
Gefühl: Diese Vagina ist nicht mehr nur Lusthöhle, sondern da ging unser Kind durch.
Was für ihn den Mutteraspekt wachrief.
Ich begann spontan zu weinen ohne ersichtlichen Anlass. Es war, als ob sich die ganze
Geburtsladung, die noch in dem Gewebe war, entladen würde, was sehr befreiend war.
Es war wie ein tiefes Loslassen. ein Freilassen der ganzen Anspannung während der
Geburt, wo ich über längere Zeit einen Geburtsstillstand mit heftigsten Wehen hatte. Als
wenn der Vaginaraum sich entleeren würde von dem Geburtsstress, um wieder ein
leerer offener empfangender Raum zu werden für die Begegnung mit dem Penis meines
Mannes.
Dabei waren wir über lange Zeit einfach nur ineinander, ohne Bewegung, und liesen
diese Entladungen geschehen. Das war mit all den Tränen ein sehr schönes
gemeinsames Erleben und ein gemeinsames Neuorientieren. Ein Spüren, dass wir von
nun an nicht mehr nur zu zweit sind. Und dies auch einen Einfluss auf unsere Sexualität
haben wird.“

